Systemische Familienaufstellungen

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.01.2009, Nr. 1 / Seite 9

Der lange Schatten des KriegesDas tabuisierte Leid, die Ängste und die Sprachlosigkeit setzen sich in Deutschland zum Teil bis in die dritte Generation fort

Von Anne-Ev UstorfIm Jahr 2002 veröffentlichte Günter Grass seine Novelle "Im Krebsgang" und wagte sich damit an ein Tabuthema: Grass schilderte den Untergang des Kraft-durch-Freude-Passagierschiffes Wilhelm Gustloff und richtete seinen Blick erstmals auf die Leiden der deutschen Bevölkerung während des Krieges - ein Thema, das zuvor fast nur im Privaten diskutiert worden war. Innerhalb weniger Wochen wurden 300 000 Exemplare des Buches verkauft. In Deutschland entbrannte eine Diskussion über die Frage, ob man es angesichts der vielen Opfer der Nationalsozialisten wagen dürfe, auch über die Kriegstraumata der Deutschen zu sprechen. Das Bedürfnis schien groß: Zahlreiche Artikel, Sachbücher und Fernseh-Blockbuster ("Die Flucht", "Die Gustloff") berichteten in den folgenden Jahren über die Erlebnisse der Deutschen während Flucht und Bombenkrieg.Vor allem das Leid der deutschen Kriegskinder, der zwischen 1930 und 1945 Geborenen, rückte in den Vordergrund. Kein Wunder: Viele Menschen dieser Alterskohorte können sich noch heute lebhaft an ihre frühen Kriegserfahrungen erinnern - und nicht wenige von ihnen sind noch immer geprägt davon. Flucht, Vertreibung, Bombenkrieg und Hungersnot haben bei vielen Kriegskindern Spuren hinterlassen. Fast ein Drittel aller im Zweiten Weltkrieg geborenen Deutschen sind durch ihre frühen Kriegserlebnisse traumatisiert, so eine Studie der Universität Leipzig. Das äußert sich häufig in Depressionen und Ängsten, Schlaflosigkeit oder psychosomatischen Beschwerden. Auch das Beziehungsleben vieler Kriegskinder ist noch heute von ihren ersten Lebensjahren im Krieg geprägt: Eine Langzeitstudie der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung unter vierhundert Kriegskindern ergab, dass mehr als die Hälfte der Probanden an Empathie- und Beziehungsstörungen litten, die wohl darauf zurückzuführen sind, dass die Betroffenen aufgrund ihrer damals erschwerten Familiensituation - die Väter im Krieg, die Mütter überlastet - kaum eigene emotionale Entwicklungsaufgaben wahrnehmen konnten. Die innersten Bedürfnisse zu spüren, die eigenen Gefühle mitzuteilen, gut für sich selbst zu sorgen - das hatten viele Kriegskinder nicht lernen können in einer Zeit, in der es vorrangig ums Überleben ging. "Durch die starke Bindung an die hilfsbedürftigen Eltern konnten die Kriegskinder ihre affektiven Fähigkeiten nicht gut ausbilden", weiß die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt.Wenn so viele Kriegskinder durch ihre frühen Lebensjahre traumatisiert und noch heute in ihrem Beziehungsleben beeinträchtigt sind - was bedeutet das dann für deren Kinder, die "dritte Generation", die jetzt zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt sind? Längst weiß man, dass traumatische Erfahrungen, wenn sie nicht bearbeitet werden, eingekapselt an die nächste Generation weitergereicht werden können. "Transgenerationale Weitergabe" nennt sich dieser Prozess. Die Traumata der Eltern nehmen dann im Leben ihrer Kinder und Kindeskinder Gestalt an, in Form innerpsychischer Konflikte wie diffuser Ängste oder Depressionen. Auch die deutschen Kriegskinder gaben ihre kindlichen Traumata, Verlust- und Mangelerfahrungen mitunter unbewusst und ungewollt an ihre eigenen Kinder weiter. Denn viele von ihnen hatten ihre Erlebnisse nie aufarbeiten können: Das noch nicht ausgebildete Langzeitgedächtnis vieler Kriegskinder und die große Not der schwierigen Nachkriegsjahre verhinderten lange eine Beschäftigung mit dem Erlittenen. Obwohl eine Generation später geboren, haben viele Kinder der Kriegskinder Gefühle übernommen, Ängste geerbt und Rollen eingenommen, die zu den frühen Erfahrungen der Eltern in Bezug stehen. Noch heute sind Verlust- und Mangelerfahrungen, die mittlerweile mehr als sechzig Jahre zurückliegen, in den erwachsenen Söhnen und Töchtern lebendig: So führt etwa der schmerzhafte Heimatverlust, den viele Kriegskinder erlebten, noch bei deren Kindern oftmals zu einem Gefühl der Heimatlosigkeit, zum Glauben, sich nirgends verwurzeln oder nirgends heimisch werden zu können. "Das Thema Heimat beschäftigt mich seit Jahren", berichtet eine vierzig Jahre alte Sozialpädagogin, deren Eltern aus Ostpreußen und Schlesien stammen. "Wo gehöre ich eigentlich hin und wieso finde ich keine Wurzeln? Ich habe das Gefühl, niemals anzukommen." Die lebenslangen Existenzängste vieler Kriegskinder, eine Folge ihrer extremen Armuts- und Mangelerfahrungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit, bewirken noch in der Generation der Kinder ein stark ausgeprägtes Sicherheitsdenken - oder im Gegenzug das Bedürfnis, alle Sicherheiten über Bord zu werfen und ein möglichst ungebundenes Leben zu führen. Eine Künstlerin, deren Eltern aus Ostpreußen und Schlesien flohen, berichtet, sie habe auf das Sicherheitsdenken ihrer Eltern reagiert, indem sie "immer nur abgehauen" sei: "Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dieses Sicherheitsdenken zu übernehmen. Aber so frei zu leben, wie ich es tue, ist manchmal ein Kampf."Auch sexueller Missbrauch während Krieg und Flucht können noch die Töchter und Söhne in ihren Beziehungen beeinflussen. "Die Kinder der Kriegskinder repräsentieren die dritte (jetzt indirekt) kriegsbetroffene Generation", schreibt der Psychoanalytiker und Altersforscher Hartmut Radebold, "viele von ihnen befinden sich zurzeit in psychotherapeutischer Behandlung. Und sie vermitteln inzwischen zunehmend deutlicher, welche Folgen diese - ihnen allerdings oft unbekannte - Kriegskindheit ihrer Eltern hatte und noch hat. So klagen sie insbesondere über den Widerspruch zwischen Verwöhnung und psychischem Desinteresse der Eltern an alltäglichen Schwierigkeiten."Denn gerade die emotionale Sprachlosigkeit vieler Kriegskinder machte den Kindern der Kriegskinder zu schaffen. "Über Gefühle wurde zu Hause nie gesprochen" oder "Meine Eltern und ich konnten nie eine emotionale Beziehung zueinander aufbauen" - so beschreiben viele Kinder der Kriegskinder das Gefühlsleben in ihren Familien. Ein Gefühl der Fremdheit scheint die Beziehungen vieler heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen zu ihren Eltern, den Kriegskindern, zu charakterisieren. Oft wurden diese als unerreichbar empfunden: Die Väter seien emotional abwesend gewesen, die Mütter mit der Organisation von Haushalt und Familie so beschäftigt, dass für wirkliche Gespräche kaum Raum blieb. Persönliche Probleme, Entwicklungskonflikte, psychische Krisen - das mussten viele mit sich selbst ausmachen. Der Psychoanalytiker Radebold glaubt, dass die Kinder der Kriegskinder funktionieren mussten und möglichst leistungsfähig sein sollten, um die Abwehr der Eltern nicht zu erschüttern: "Im unbewussten Vergleich mit ihrer damaligen Situation erwarteten die Eltern offenbar, dass die Kinder - wiederum in familiärer Delegation - mit ihren Nöten selbst zurechtkämen und sie selbst möglichst wenig damit behelligt wurden." Die Sprachlosigkeit der Kriegskinder prägte auch die dritte Generation. Denn auch die Kinder der Kriegskinder haben bisweilen große Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle zu spüren, zu reflektieren und mitzuteilen. Kaum verwunderlich: Es bedarf einer langjährigen emotionalen Lernerfahrung, um eigene Gefühle und Bedürfnisse differenziert wahrnehmen zu können. Da viele Kriegskinder aber selbst nicht gut fühlen konnten, vermochten sie auch ihren Kindern das Fühlen nicht gut beizubringen. "Seit Jahren lerne ich nun zu fühlen, wie es mir eigentlich geht. Und das dann auch zu formulieren, nicht unkontrolliert, sondern ruhig und klar", berichtet eine Krankenschwester aus Düsseldorf, deren Eltern aus Pommern und Berlin stammen, "man tappt ja völlig im Dunkeln. Man hat ja keine Ahnung, wie sich das alles anfühlen könnte." Erst heute können viele Kriegskinder über ihre belastenden Kindheitserlebnisse trauern, über die Verlust- und Mangelerfahrungen, die sie in den Kriegsjahren machen mussten. Viele von ihnen können inzwischen darüber sprechen. Und somit haben nun auch deren Kinder die Chance, sich mit den Spuren, die der Krieg noch in ihren Leben hinterlassen hat, auseinanderzusetzen. Längst erwachsen, können sie mit ihren Eltern ins Gespräch kommen - darüber, was die Eltern erlebt haben und darüber, wie dies beide Seiten geprägt haben mag. Denn wenn die Kinder der Kriegskinder verstehen, welche Erfahrungen die Eltern machen mussten, fällt es ihnen möglicherweise leichter, eigene Trauergefühle zu erkennen und alte Wünsche an die Eltern zu verabschieden. Und vielleicht gelingt es den Kindern der Kriegskinder dann auch, die positiven Seiten des Erbes ihrer Eltern stärker in den Blick zu nehmen: Das politische Bewusstsein etwa, das viele Kriegskinder ihren Kinder vermitteln konnten, oder die Fürsorglichkeit - wenn auch oft nicht auf emotionaler Ebene. Denn die Jüngeren haben dieser Generation viel zu verdanken. Ihre Leistungskraft und ihr politisches und gesellschaftliches Engagement ermöglichten der nachfolgenden Generation eine Kindheit in Frieden und Wohlstand. Den Krieg kennt sie nur aus Erzählungen. Und dafür können wir dankbar sein.Die Autorin ist Publizistin und veröffentlichte das Buch "Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs", Herder Verlag

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