Systemische Familienaufstellungen

 

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Familienaufstellung

Inhaltsverzeichnis

Zum Hintergrund der Familienaufstellung: die Familienskulptur

Was ist eine Familienaufstellung?

Die klassische Familienaufstellung

Neuere Ansätze der Familienaufstellung

Forschung zu Aufstellungen

Fazit und Tipp

 

Einleitung

Familienaufstellung – bei etlichen Therapeuten und ehemaligen Teilnehmern sträuben sich die Nackenhaare, wenn sie dieses Wort nur hören. Andere dagegen schwärmen von den „unglaublichen“ und schnellen Erfolgen dieser Methode.

Anders ausgedrückt: Kaum ein therapeutischer Ansatz ist umstrittener als die Familienaufstellung, die vor allem durch Bert Hellinger bekannt wurde. Doch wie steht es tatsächlich um die Wirksamkeit – und möglicherweise auch die Schädlichkeit – einer Aufstellung? Dazu muss man zunächst wissen, was sich hinter dem Begriff „Familienaufstellung“ verbirgt.

Zum Hintergrund der Familienaufstellung: die Familienskulptur

Allgemein versteht man unter einer Familienaufstellung eine Methode aus der Systemischen Psychotherapie. Diese geht auf die so genannte Familienskulptur zurück, die von Virginia Satir in den 1970er Jahren entwickelt wurde.

Ziel beider Methoden ist es, Beziehungen zwischen Familienmitgliedern oder Mitgliedern einer Gruppe bildhaft darzustellen und so die damit verbundenen Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken bewusst zu machen. Dabei werden häufig auch bisher unbewusste Konflikte oder ungünstige Beziehungsmuster aufgedeckt. Diese können durch die aktuelle Situation, aber auch durch Einflüsse aus der Vergangenheit geprägt sein.

In der Systemischen Therapie geht man davon aus, dass Gefühle und Verhalten eines Menschen durch Regeln, Verhaltensmuster und Beziehungen innerhalb einer Familie geprägt sind – und das oft über mehrere Generationen hinweg. Sowohl die Familienskulptur als auch die Aufstellung sollen dem Ratsuchenden solche Zusammenhänge deutlich machen – und ihm so dabei helfen, problematische Verhaltensweisen und Beziehungsmuster zu verändern.

Dabei wird eine Familienskulptur, die in der Regel während einer Psychotherapie durchgeführt wird, meist mit den Familienmitgliedern des Klienten erstellt. Der Patient stellt die Familienmitglieder so im Raum auf, dass sie für ihn intuitiv in der „richtigen Beziehung“ zueinander stehen. Anschließend berichten der Patient und die einzelnen Familienmitglieder, wie es ihnen in ihrer jeweiligen Position geht: Zum Beispiel, welche Gefühle, Gedanken, Körperwahrnehmungen und Handlungsimpulse sie haben. Auf diese Weise werden 2

problematische Beziehungsmuster und Beziehungskonflikte sichtbar, die in der weiteren Therapie bearbeitet werden können. In der Einzeltherapie können anstelle der Familienangehörigen auch Symbole (zum Beispiel Tierfiguren) verwendet werden, die die einzelnen Familienmitglieder repräsentieren.

Was ist eine Familienaufstellung?

Eine Familienaufstellung lä uft nach einem ähnlichen Prinzip ab wie die Familienskulptur, findet jedoch häufig in einer Gruppe aus zufällig zusammengewürfelten Personen statt. Eine Person aus der Gruppe, die ein Problem bearbeiten möchte oder etwas über sich erfahren möchte, meldet sich als „Aufsteller“. Der Aufstellungsleiter stellt nun zunächst Fragen zur Problematik selbst, zur Vorgeschichte des Ratsuchenden und zu den Personen, die bei der Problematik aktuell und in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben.

Anschließend wählt der Aufsteller aus der Gruppe „Stellvertreter“ für diese Personen aus. Er stellt diese – ähnlich wie bei einer Familienskulptur – so im Raum auf, dass sie für ihn in der „richtigen Beziehung“ zueinander stehen. Dabei können die Stellvertreter zum Beispiel näher oder weiter voneinander entfernt stehen, sie können sich einander zuwenden, seitlich oder mit dem Rücken zueinander stehen, sie können in aufrechter, gebückter oder zusammengekauerter Haltung platziert werden.

Ähnlich wie bei einer Familienskulptur berichten die Stellvertreter anschließend, wie es ihnen in der zugewiesenen Haltung geht. Die Muster, die dabei aufgedeckt werden, ähneln angeblich oft auf überraschende Weise den Beziehungen zwischen den realen Personen.

Familienaufstellungen werden teilweise als Kurzzeitveranstaltungen – zum Beispiel als Wochenendseminar – angeboten, teilweise aber auch im Rahmen einer kontinuierlichen Therapie durchgeführt. Hier können die während der Aufstellung aufgedeckten Muster in der so genannten Aufstellungsarbeit weiter bearbeitet und verändert werden.

Kritisch ist jedoch vor allem zu sehen, dass die Aufsteller aus sehr unterschiedlichen Bereichen kommen, ihre fachliche Qualifikation und somit die Qualität der durchgeführten Aufstellungen im Vorhinein häufig nur schwer zu überprüfen ist.

Bekannt wurde die Familienaufstellung vor allem durch den Ansatz der "Klassischen Familienaufstellung" von Bert Hellinger.

Die „klassische“ Familienaufstellung nach Bert Hellinger

In den 1990er Jahren entwickelte Hellinger aus seinen Erkenntnissen während seiner Zeit in Südafrika die klassische Familienaufstellung. Er arbeitete dort zunächst als katholischer Priester und war lange Zeit als Leiter einer Missionsschule tätig.

Die Familienaufstellung bezeichnet er ausdrücklich nicht als Therapie, sondern als „Lebenshilfemethode“. Hinter der Methode steckt eine ausgearbeitete Weltanschauung, die vielfach als zugleich autoritär und esoterisch kritisiert wurde. Inzwischen bieten über 2000 Therapeuten in Deutschland Familienaufstellungen nach Hellinger an.

Idee

Der Familienaufstellung nach Hellinger liegt die Idee zugrunde, dass alle Mitglieder einer Familie durch emotionale Bande miteinander verknüpft sind. Sind diese Verbindungen gestört – zum Beispiel, wenn ein Kind seine Eltern hasst oder wenn der Kontakt zwischen 3

Familienmitgliedern abreißt – kann dies zu psychischen Problemen oder Krankheiten bei einem oder mehreren Mitgliedern der Familie führen.

Diese Annahme verbindet Hellinger mit konservativen Wertvorstellungen. Er geht davon aus, dass jede Familie eine natürliche, streng hierarchische Ordnung habe: An höchster Stelle stehe dabei der Mann, ihm folge die Frau und anschließend die Kinder in der Reihenfolge ihrer Geburt.

Wird diese natürliche Ordnung gestört, indem ein Mitglied aus der Familie ausgeschlossen oder von den anderen nicht angemessen geachtet wird, werde die „Familienseele“ laut Hellinger mit Krankheiten bestraft. So könne es sein, dass sich nahe Angehörige, aber auch später lebende Nachkommen mit dem Schicksal des Ausgeschlossenen identifizieren würden. Diese „unbewussten Verstrickungen“ können laut Hellinger Krankheiten bei den betroffenen Angehörigen oder Nachkommen auslösen – und zwar sowohl psychische Erkrankungen wie Depressionen als auch körperliche Krankheiten wie Allergien oder Krebs.

Während der Aufstellung geht es nun laut Hellinger darum, die natürliche Ordnung in der Familie wieder herzustellen und dadurch die Krankheitsproblematik aufzulösen.

Ablauf einer Aufstellung nach Bert Hellinger

Die Aufstellung wird von Bert Hellinger meist dramaturgisch wirksam auf der Bühne in Szene gesetzt. Dabei wird eine Person aus dem Publikum, die ein Problem bearbeiten möchte, auf die Bühne gebeten. Zunächst stellt Hellinger Fragen zur Problematik und zum Lebenshintergrund. Dabei geht es vor allem darum, „ausgeschlossene“ oder „missachtete“ Mitglieder der Großfamilie aufzuspüren. Dies kann zum Beispiel ein geschiedener Partner sein, aber auch ein abgetriebenes oder tot geborenes Kind oder ein früh im Krieg gefallener Urgroßvater.

Häufig stellt Hellinger bereits nach wenigen Fragen eine Art „Diagnose“, die teilweise drastisch ausfallen kann. So berichtet eine Frau während einer Aufstellung, dass sie sich von ihrem ersten Mann getrennt habe und dass sie vor einigen Jahren an Gebärmutterkrebs erkrankt sei. Hellingers Schlussfolgerung lautet: Sie habe ihrem Ex-Mann Unrecht getan, und so etwas räche sich meist – zum Beispiel, indem eine Frau Krebs bekomme.

Im nächsten Schritt beginnt dann die eigentliche Aufstellung: Nun werden Freiwillige aus dem Publikum auf die Bühne gebeten und vom Ratsuchenden als „Stellvertreter“ der Familienmitglieder intuitiv im Raum platziert. Anschließend befragt Hellinger die Stellvertreter nach ihren Eindrücken und Empfindungen.

Häufig berichten diese über Gefühle und Gedanken, die dem Anschein nach denen der echten Familienmitglieder stark ähneln. Dabei kann es zum Teil zu heftigen Gefühlsausbrüchen kommen: So fangen manche Stellvertreter auf der Bühne an zu weinen, kippen um oder fangen an zu schreien.

Die „Stellvertreterwahrnehmung“ entsteht laut Hellinger durch das so genannte „wissende Feld“: Demnach erhält jeder Stellvertreter durch die Position, die er während der Aufstellung einnimmt, „Zugang“ zu den Gedanken und Gefühlen des Familienmitglieds, das er repräsentiert – unabhängig davon, ob dieses noch lebt oder bereits vor langer Zeit verstorben ist. Im nächsten Schritt werden die Stellvertreter von Hellinger so lange umgestellt, bis sie sich an ihrem Ort „richtig“ und besser als vorher fühlen. Zum Abschluss lässt Hellinger den Ratsuchenden „heilende Sätze“ sprechen, und zwar vor allem zu denjenigen Familienmitgliedern, die als ausgeschlossen oder nicht geachtet „identifiziert“ wurden. Mit ihnen soll sich der Aufsteller rituell versöhnen, ihnen Achtung erweisen oder sie um Verzeihung bitten. 4

Kritik an der Familienaufstellung von Bert Hellinger

Hellinger und die von ihm entwickelte Art der Familienaufstellung wurden von Fachleuten und auch in der breiten Öffentlichkeit zum Teil heftig kritisiert. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) distanzierte sich 2003 in einer Stellungnahme ausdrücklich von seinen Methoden. Die wichtigsten Kritikpunkte an der Arbeit Hellingers lauten:

Kritik an der ethischen Vertretbarkeit

Diese Form der Familienaufstellung werde ohne äußeren Rahmen – also ohne Einbindung in eine längerfristige Therapie – und ohne eine persönliche Beziehung zwischen Klient und Behandler durchgeführt. Dadurch werde der Ratsuchende nach der Aufstellung mit seinen häufig starken Eindrücken und Gefühlen allein gelassen – was vor allem bei psychisch labilen Personen gefährlich sein könne.

Hellinger vertrete sein theoretisches Konzept so, als ob dieses absolut gültig sei. Ähnliches gelte auch für seine Aussagen zum Problem des Klienten und zu dessen Lösung. Dadurch werde die Autonomie des Klienten stark eingeschränkt.

Die Inszenierung im Rahmen von Großveranstaltungen stelle den Klienten bloß und nehme wenig Rücksicht auf seine Gefühle.

Während einer Aufstellung würden zum Teil extrem unsensible oder demütigende Interventionen durchgeführt. So erklärte Hellinger einer Ratsuchenden während einer Aufstellung, ihre Lebensenergie liege im Moment nur bei 20 Prozent, einer anderen, bei ihr liege „das kalte Herz“. Am Ende der Aufstellung wird der Klient häufig dazu aufgefordert, sich hinzuknien und sich bei Familienmitgliedern zu entschuldigen – selbst dann, wenn diese ihm Unrecht angetan haben.

 

Kritik an der Methode

Hellinger gebe sich als „Allwissender“ und verweigere sich einer kritischen Diskussion und einer wissenschaftlichen Untersuchung seiner Methoden.

Die Praxis der Kurzveranstaltungen suggeriere, dass selbst schwerwiegende Probleme in kurzer Zeit gelöst werden könnten.

Statt einer umfassenden Diagnostik werde bei der Familienaufstellung eine Art „Orakel“ veranstaltet.

Hellinger inszeniere die Familienaufstellungen von vorneherein so, dass sich zwangsläufig eine bestimmte Lösung ergebe.

Die „Stellvertreterwahrnehmung“ beruhe in Wirklichkeit auf trivialen psychologischen Effekten wie Suggestion, Manipulation und Fehlinterpretationen.

 

Ein weiterer Kritikpunkt an der Familienaufstellung ist, dass viele Aufsteller nur unzureichend ausgebildet sind bzw. ihre Qualifikation oft schwer zu überprüfen ist. So haben einige Anbieter von Aufstellungen ihre Kenntnisse lediglich dadurch erworben, dass sie an einer Aufstellung von Bert Hellinger teilgenommen oder dessen Lehrvideos angeschaut haben. „Familienaufsteller“ oder „Systemaufsteller“ sind keine gesetzlich geschützten Begriffe, und es ist keine Ausbildung zum Psychotherapeuten oder Psychiater und auch keine Heilpraktiker-Erlaubnis erforderlich, um Familienaufstellungen anzubieten. 5

Neuere Ansätze der Familienaufstellung

In den letzten Jahren haben sich parallel zum Ansatz Hellingers eine Reihe weiterer Ansätze der Familienaufstellung entwickelt. Dabei distanzieren sich viele systemisch arbeitende Therapeuten und viele Familienaufsteller inzwischen ausdrücklich von Hellingers Methode. Andere bauen zwar auf Hellingers Ansatz auf, setzen aber eigene Schwerpunkte und verbinden den Ansatz mit weiteren Methoden aus der Psychotherapie oder der psychosozialen Beratung.

Gleichzeitig sind in den letzten zehn Jahren Fachgesellschaften entstanden, die sich zum Ziel gesetzt haben, Qualitätsstandards und ethische Richtlinien für Systemaufstellungen zu entwickeln. Zu Ihnen gehören die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) und die International Systemic Constellations Association (ISCA). Die DGfS hat zum Beispiel Qualitätsstandards für die Aufstellungsarbeit und für die Weiterbildung in Systemaufstellungen erarbeitet, bietet eine Datenbank mit geprüften Systemaufstellern an und unterstützt die Forschungsarbeit über Systemaufstellungen.

Positive Wirkungen von Familienaufstellungen

Eine Familienaufstellung kann durchaus positive Auswirkungen haben – sofern dabei bestimmte Grundregeln beachtet werden, wie sie auch für eine Psychotherapie gelten.

Wo eine Familienaufstellung hilfreich sein oder zu neuen Erkenntnissen führen kann

Generell kann eine Familienaufstellung eine neue Sichtweise der eigenen Familiengeschichte ermöglichen und zu einer Neubewertung problematischer Verhaltens- und Beziehungsmuster führen. Anschließend können daraus zusammen mit dem Aufstellungsleiter neue, weniger problematische Bewertungsmuster und Verhaltensweisen abgeleitet und ausprobiert werden.

Gegenüber anderen Therapiemethoden hat eine Familienaufstellung den Vorteil, dass hier die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern bildlich dargestellt werden und dabei das Familiensystem im Ganzen sichtbar gemacht wird. Da der Klient die Figuren intuitiv im Raum aufstellt, werden oft Beziehungsmuster oder Konflikte aufgedeckt, die ihm vorher so nicht bewusst waren. Dabei werden häufig beim Klienten selbst intensive Gefühle ausgelöst, zum anderen werden ihm durch die Stellvertreter auch mögliche Gefühle und Reaktionen der Familienmitglieder verdeutlicht.

Häufig wird den Klienten durch eine Familienaufstellung auch bewusst, wie stark ihr Leben durch ihre Familie und durch unbewusste Verpflichtungen oder Schuldgefühle gegenüber anderen Familienmitgliedern beeinflusst ist. Durch die Aufstellung erkennen viele Ratsuchende, dass sie keine Schuld an ihrem Leid trifft, da sich dieses gar nicht hätte verhindern lassen.

Auch die Bearbeitung der aufgestellten Szene ist häufig mit intensiven Gefühlen verbunden – zum Beispiel, wenn die Positionen der Familienmitglieder verändert werden oder wenn der Klient den Stellvertretern gegenüber Dinge sagt, die er zum Beispiel dem Vater oder der Mutter schon lange mitteilen wollte. Es wird vermutet, dass durch diese starken Eindrücke und Gefühle intensivere und dauerhaftere Veränderungen ausgelöst werden können als bei anderen Therapieformen.

DGSF-Kriterien zur Unterstützung günstiger Wirkungen einer Familienaufstellung:

Soll eine Familienaufstellung günstige therapeutische Auswirkungen haben, sollten – zum Beispiel nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie (DGSF) – unbedingt folgende Aspekte berücksichtigt werden: 6

 

Die Klienten sollten auf die Aufstellungsarbeit im Vorfeld sorgfältig vorbereitet werden und auch hinterher therapeutisch begleitet werden.

Eine Familienaufstellung sollte nicht in Großgruppen durchgeführt werden, bei denen es vor allem um den publikumswirksamen Effekt geht.

Eine Aufstellung sollte wegen der möglichen starken Auswirkungen nie leichtfertig oder als „Spiel“ durchgeführt werden.

Der Behandler sollte sich dem Klienten gegenüber einfühlsam verhalten und ihm Respekt entgegenbringen.

Er sollte die Sichtweise und die Interpretationen des Klienten immer respektieren und ihm nicht seine eigene Sichtweise aufdrängen. Auch Lösungsansätze sollten immer gemeinsam mit dem Klienten entwickelt werden.

Die Aussagen von „Stellvertretern“ sollten als Hypothesen gewertet werden, die der Klient als nützlich einschätzen, aber auch als nicht passend oder nicht nützlich verwerfen kann.

Der Behandler sollte die Autonomie des Ratsuchenden fördern – zum Beispiel, indem er die Entscheidung für eine Veränderung immer dem Klienten überlässt.

Falls die Aufstellung nicht im Rahmen einer kontinuierlichen Psychotherapie stattfindet, sollte der Aufsteller den Klienten zumindest ausdrücklich darauf hinweisen, dass er Unterstützung suchen soll, falls es hinterher zu problematischen Auswirkungen kommt.

 

Aspekte der Qualifikation der Aufsteller:

Wichtig ist auch, dass ein Aufstellungsleiter eine fundierte Ausbildung und Praxiserfahrungen bei der Durchführung von Familienaufstellungen hat. Da es jedoch keine festen Ausbildungsrichtlinien für Systemaufstellungen gibt, ist dieser Aspekt relativ schwer zu überprüfen.

Eine Qualifikation als Psychologischer Psychotherapeut, Arzt für Psychiatrie oder Psychosomatik oder als Heilpraktiker für Psychotherapie ist ein Anhaltspunkt dafür, dass der Anbieter eine umfassende fachliche Ausbildung durchlaufen hat und mit den Grundregeln einer Psychotherapie vertraut ist. Gleichzeitig sollte er jedoch auch praktische Erfahrungen in der Aufstellungsarbeit nachweisen können.

Wird die Aufstellung im Rahmen einer Systemischen Therapie durchgeführt, sollte man darauf achten, dass der Behandler über eine fundierte Ausbildung in systemischer Therapie oder Beratung und Praxiserfahrungen in der Aufstellungsarbeit verfügt.

Eine Ausbildung zum Aufsteller nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) ist zumindest ein Anhaltspunkt dafür, dass der Behandler eine gewisse theoretische und praktische Grundausbildung in der Aufstellungsarbeit hat und sich um die Einhaltung von Qualitätsstandards bemüht.

Als zweifelhaft ist dagegen die Qualifikation von Anbietern zu sehen, die aus dem Esoterikbereich kommen.

Aufstellungen in der Einzelarbeit

Auch in der Einzeltherapie kann die Methode der Aufstellung angewandt werden. Anstelle von Personen werden dann Symbole wie Figürchen oder Kissen als Stellvertreter der Familienmitglieder aufgestellt. Eine weitere Möglichkeit ist, die räumlichen Positionen der Familienmitglieder mithilfe von „Bodenankern“ darzustellen, bei denen der Klient Stühle oder Papierblätter im Raum positioniert. In diesem Fall kann er in die Rolle der einzelnen 7

Familienmitglieder schlüpfen, indem er sich an die verschiedenen Positionen stellt und formuliert, was er jeweils dort empfindet.

Bei der Bearbeitung der Problematik kann der Therapeut Sätze formulieren, die die Familienmitglieder sagen könnten. So beschreibt die Pädagogin Barbara Innecken ein Fallbeispiel, bei der eine Mutter zwischen ihrem geschiedenen Mann und ihrem Sohn nur wenig Kontakt zulässt. Hier könnte der Therapeut die Figur des Vaters sagen lassen: „Aber ich liebe meinen Sohn doch genauso wie Du.“ Daraufhin könnte er für die ratsuchende Mutter einen Satz formulieren – zum Beispiel: „Ich sehe erst jetzt, wie sehr Du ihn liebst. Bei dir ist er gut aufgehoben.“ Der Klientin ist anschließend freigestellt, ob sie diesen Satz nachspricht oder sich einen anderen, für sie besser passenden Satz überlegt.

Organisationsaufstellungen

Eine weitere Form der Aufstellung, die in den letzten Jahren immer häufiger zum Einsatz kommt, ist die Organisationsaufstellung. Dabei geht es um berufliche Fragen wie zum Beispiel Mobbing, Konflikte in der Arbeitsgruppe oder Schwierigkeiten im Unternehmen. Bei dieser Art der Aufstellung lassen sich Dynamiken in beruflichen Systemen sichtbar machen, aus denen sich dann Hilfestellungen bei beruflichen Entscheidungen oder Lösungen für problematische Konstellationen entwickeln lassen.

Forschungen zur Aufstellungsarbeit

Seit Mitte der 1990er Jahre wurden verschiedene Forschungsarbeiten zu den Wirkungen von Familienaufstellungen durchgeführt. Dabei ging es zum Beispiel um das Erleben der Teilnehmer während der Aufstellung, subjektive Veränderungen und Veränderungen in Partnerschaften und Familiensystemen. Bei den meisten Untersuchungen handelt es sich um so genannte qualitative Studien, bei denen Einzelfälle oder relativ kleine Untersuchungsgruppen betrachtet wurden. Solche Studien können zwar interessante Zusammenhänge aufdecken, erlauben aber noch keine zuverlässigen Aussagen über allgemein wirksame Effekte.

Eine erste systematische Untersuchung zu den Effekten von Systemaufstellungen wurde von Diplom-Ingenieur Peter Schlötter von der Privaten Universität Witten-Herdecke durchgeführt. In seiner Studie stellte er reale Beratungsfälle mit lebensgroßen Holzfiguren nach. Die insgesamt 250 Probanden sollten Schritt für Schritt die Positionen der einzelnen Figuren einnehmen und sich jeweils in deren Positionen hineinfühlen. In jeder Position wurden sie nach ihren Gefühlen, Körperempfindungen und ihrer – subjektiv empfundenen – Beziehung zu den anderen Figuren befragt.

Dabei zeigte sich, dass eine Systemaufstellung die Beziehungen zwischen den beteiligten Personen wie eine Art symbolische, nicht-verbale Sprache wiedergibt. Diese Symbolik wird von verschiedenen Personen sehr ähnlich verstanden. So wird zum Beispiel eine Figur, die weiter hinten steht als alle anderen, als „jemand, der nichts zu sagen hat und nicht dazugehört“ wahrgenommen, während eine Figur, der sich die meisten anderen Personen zuwenden, als „jemand, von dem Wichtiges erwartet wird“ eingeschätzt wird. Gleichzeitig ergab die Auswertung auch, dass sich aus der Aufstellung keine eindeutigen Aussagen über die Charaktereigenschaften der einzelnen Personen machen lassen.

Fazit

Die Familienaufstellung ist nicht als ein eigenständiges Therapieverfahren sondern am ehesten als ein Therapiebaustein zu betrachten, der nicht in einer isolierten Veranstaltung, sondern 8

besser eingebettet in eine Psychotherapie bei einem qualifizierten Therapeuten und in einem Methodenmix eingesetzt werden sollte. In erster Linie dient sie dem Gewinnen von neuen Erkenntnissen über das System Familie. Dieses Wissen kann eine Psychotherapie unterstützen und Ausgangspunkt weiterer therapeutischer Maßnahmen sein.

Tipp

Wenn Sie selbst eine Aufstellung machen lassen möchten, sollten Sie sich zunächst Zeit nehmen, den Behandler kennenzulernen. Dabei ist einerseits wichtig, welche fachlichen Qualifikationen und welche Erfahrungen in der Aufstellungsarbeit er besitzt. Zugleich können Sie sich auch darüber informieren, wie die Aufstellung im Einzelnen durchgeführt werden soll. Auf der anderen Seite kommt es aber auch auf Ihren persönlichen Eindruck an: Haben Sie im Gespräch ein gutes Gefühl? Haben Sie Vertrauen zum Behandler und können Sie sich vorstellen, mit ihm die oft intensive Erfahrung einer Aufstellung zu machen?

Autorin: Christine Amrhein für Pro Psychotherapie e.V.

Verwendete Quellen

Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS): http://www.familienaufstellung.org/

Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF), Stellungnahme zum Thema Familienaufstellungen: http://www.dgsf.org/themen/berufspolitik/hellinger.htm

J. Margraf & S. Schneider (2009). Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Springer-Verlag, Heidelberg

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 08.05.2010: „Wenn Ahnen krank machen.

Fallbeispiel aus: Barbara Innecken: Weil ich euch beide liebe. Systemische Pädagogik für Eltern, Erzieher und Lehrer, Kösel-Verlag, 2007.

 

Therapeutensuche

Auf der Webseite können Sie nach geeigneten Therapeuten suchen:

http://www.therapie.de/psychotherapie/